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Samstag, 09.11.2019

Puh. Ich habe mich gestern durch das exklusive Exklusiv-Interview des bayerischen Qualitätsrundfunks mit Hasan “Größter Investor aller Zeiten” Ismaik gequält (reicht ja, wenn einer die BR-Homepage durchsucht: Teil 1 und Teil 2 ).

Und ich bin ernsthaft entsetzt.

Gequält wurde ich als alter Unfallglotzer natürlich nicht von Ismaik. Und sein Auftritt entsetzt mich auch nicht. Ganz im Gegenteil ist das für jeden ernsthaften Unfallglotzer ein absolutes Plicht-Video. Ich kann und mag da jetzt gar keine einzelnen Passagen raus greifen. Was Ismaik da konsequent an Strohpuppen, absichtlichen logischen Fehlschlüssen und sonstigen unredlichen Argumentationsstrategien raushaut, ist ein einziges Hochamt für jeden an kompetitiver Trollierung Interessierten.

Und um ehrlich zu sein, ich kann ihm das alles auch gar nicht so richtig vorwerfen: Der Mann ist halt Populist. Und er verteidigt mit Mitteln, die mir persönlich nicht gefallen mögen, die aber irgendwie nahe liegen, sein Geld. Kapitalismus, Baby. Take it easy, altes Haus, wir haben schon Schlimmeres geseh’n.

Wobei ich als Einschub kurz anmerken möchte, daraus für meine persönliche Betrachtung durchaus eine gewisse Erkenntnis gewonnen zu haben. Für mich lag nämlich bisher immer noch die Möglichkeit auf dem Tisch, dass er vielleicht gar nicht so recht mit kriegt, was in München in und um seine Investition so abgeht. Und was die Menschen, die auf deutsch seine Kommunikationskanäle befüllen, so in seinem Namen kommunizieren. Dummes Geld, von vor Ort schlecht informiert, sowas kommt vor (und mit Verlaub, nach dem kleinen Ausschnitt der mir bekannten Investitionsentscheidungen des Herrn Ismaik auch kein ganz fernliegender Gedanke). Ich habe an mir selber beobachtet, wie sich diese Möglichkeit während der Betrachtung dieses Videos nach und nach verabschiedete. So gut gebrieft kann kein unschuldig dummes Geld sein. Für mich ganz persönlich steht damit fest, dass ganz im Gegenteil Ismaik die Leitlinien der Kommunikation festlegt und die besagten Menschen diese nur ausführen. Von mir geht großer Respekt raus an einen Hasan Ismaik, ordentlicher Handwerker im Trollierungs-Weinbau des Herrn.

Zurück vom Einschub, was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja, was mich so entsetzt hat:

Das Bild, dass dabei der BR abgegeben hat. Wäre ich zufällig Angestellter des BR – egal ob Pförtner, Redakteur oder Intendant -, ich würde mich was schämen.

Das geht schon im Formalen los: Ich bin wirklich der letzte, der nicht anerkennt, dass die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten die Kriterien Quote und Klicks befolgen müssen, weil sie ohne Relevanz in allen Teilen der Gesellschaft den Anspruch auf eine allgemeine Abgabe verlieren. Ich will das Fass gar nicht aufmachen, ich erkenne es einfach an. Inhaltlich. Aber diesen einen (in Zahlen: 1) Inhalt über drei Tage auf einen Trailer und zwei Videos zu strecken, aus – zumindest mir – keinem ersichtlichen anderen Grund, als die Zahl der Klicks zu maximieren, das ist schlicht und einfach unwürdig. Wenn Leute, die von der Reklame leben, die dann mehrfach ausgespielt wird, zu solchen Taschenspieler-Tricks greifen, dann bin ich genervt, seufze einmal und hege Verständnis. Aber nicht beim BR.

Und wenn man das schon macht, dann wäre es ganz cool, wenn man das an die Einzelvideos wenigstens ranschreibt. Aber das nur am Rande.

Wirklich entsetzt hat mich aber der Inhalt dieses Interviews. Die Gesprächsführung und journalistische Einordnung, bzw. die komplette Abwesenheit dieser journalistischen Mindestkompetenzen.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein derart devotes Interview gesehen habe, in dem sich der interviewende Journalist bereitwillig zum willfährigen Stichwortgeber erniedrigt hat.

Ich will da jetzt gar nicht auf die eine Person vor der Kamera alleine eindreschen. Wer den geringsten Einblick in öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat, der weiß: An so einer Produktion ist nicht nur diese eine Person beteiligt. Dieses Interview hat ein ganzer Zoo an Menschen vorbereitet, geführt, nachbereitet und abgenickt, die allesamt über das Handwerkszeug, die Bildung, die nötigen Kenntnisse und die intellektuelle Kapazität verfügen, um einerseits sinnvolle Fragen zu stellen und andererseits unredliche Argumentation zu erkennen und ihnen zu begegnen. Meine Güte, wahrscheinlich hatte der Beleuchter mehr Erfahrung mit solchen Interviews als wir alle zusammen.

Und natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass da doch bloß ein Clown-Investor eines Drittligisten befragt wurde und dass das alles doch überhaupt nicht wichtig sei. Ist es ja auch nicht. Ich mit meiner hämischen Höhö-Unfallgaffer-Rhetorik bin doch der erste, der genau das unterstützt.

Aber ich bin auch nicht der BR. Ich kann mir meine Gehässigkeit leisten. Weil genau nichts auf der Welt von meiner Integrität abhängt.

Der BR hingegen, der ist immer der BR. Auch wenn er nur so ein Witz-Interview führt. Und dessen Integrität steht immer und überall zur Disposition (wie sich das für solche Institutionen gehört).

Wie gesagt: Wäre ich Angestellter der BR, ich würde mich was schämen.