125 Comments

Sonntag, 25.10.2020

Achtung, Befindlichkeitsbloggen und Themengebiet Pandemie:

Wir sind jetzt am Anfang der zweiten Welle. Das wurde vorhergesagt und es ist eingetreten. Ich bin Bürger Neuköllns. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mir das keine Sorgen bereitet.

Und ich verstehe jeden, der sich emotional auf einen langen und schwierigen Winter vorbereitet.

Aber ich verstehe nicht, warum allenthalben auf “die Impfung” gewartet wird. Und warum nach meiner Beobachtung gerade viele Menschen im Umkehrschluss glauben, vor “der Impfung” könne keine Besserung eintreten und in eine emotionale Schockstarre verfallen (und schon gar nicht, warum man aus dieser Haltung aus Verzweiflung zu so Stuss wie “lass uns das einfach durchlaufen lassen” oder ähnlichem kommt, aber das wäre ein anderes Thema).

Ich bin nun wirklich kein Experte und ich rede nur von meinem Verständnis. Es spricht also viel dafür, dass dies Quatsch ist. Aber ich habe nur dieses eine Verständnis. Und nach meinem Verständnis ist das Unfug.

Denn nach meinem Verständnis ist der wesentliche Gamechanger, auf den wir alle warten, nicht die Impfung. Sondern die breite Verfügbarkeit halbwegs verlässlicher und billiger Antigentests.

Zur Erinnerung, falls jemand unter einem Stein gelebt hat: Diese Antigentests, auf die wir alle warten, funktionieren – im Idealfall – ähnlich simpel wie ein Schwangerschaftstest und prüfen mit einer ausreichenden Zuverlässigkeit, ob man gerade infektiös ist. Das heißt, sie werden keine seriöse Aussage darüber treffen, ob man gerade infiziert oder sogar krank ist. Und sie werden wahrscheinlich ziemlich oft falsch positiv auf diese ganzen anderen Corona-Erkältungs-Viren anschlagen, die wir (gerade im Winter) halt so mit uns rumschleppen. Aber sie werden uns mit einem negativem Testergebniss schnell eine ausreichend zuverlässige Information darüber geben, ob genau ich genau heute andere Menschen mit Sars-Cov-2 anstecken kann. Und sie werden ausreichend billig und massenhaft verfügbar sein, um realistisch in der Breite angewendet werden zu können.

Der Vorteil wird also wahrscheinlich nicht sein, dass man aus diesen Tests irgendwelche sinnvollen Erkenntnisse ableiten kann. Wenn alles gut läuft, dann wird der Vorteil sein, dass wir mit diesen Tests für den Virus halbwegs zuverlässige Schranken um einzelne Bereiche unserer Gesellschaft aufbauen können.

Das wäre der Gamechanger. Und das ist das eigentliche Rennen der Wissenschaft und der Industrie seit dem Frühling gegen die zweite Welle. Derzeit liegt die zweite Welle vorn. Aber nach allem, was man so hört, wird das nicht mehr lange so bleiben. Diese Tests sind aktuell tief im Zulassungsprozess. Und wenn wir sie haben, dann ändert sich alles. Dann werden wir einen zweiten Quasi-Lockdown hinkriegen ohne die katastrophalen Nebenschäden, dies sowas halt so mit sich bringt. Die – zumindest nicht völlig unberechtigte – Hoffnung malt sich das so aus:

In einem ersten Schritt werden wir sie an die Eingänge von Seniorenheimen und Krankenhäusern bringen. Und auch zu den ambulanten Pflegediensten und sowas. Und dann darf nur, wer sauber ist, zur Oma. Aber man darf zu ihr.

In einem zweiten Schritt bringen wie sie an die Eingänge der Schulen, Großraumbüros und, nunja, Schlachthöfe und sowas.

Und wenn es richtig geil läuft, dann bringen wir sie überall hin. An die Eingänge des Theaters, der Konzerthalle, des (Huhu, Sportbezug) Stadions und der Eishalle und vielleicht sogar der Kneipe. Und dann können wir sie auch einfach so überall kaufen. Und dann können auch wir, die wir in Neukölln wohnen, zu Weihnachten ohne Angst unsere Eltern besuchen.

Ich weiß, da sind viele Konjunktive drin. Und viel Hoffnung. Aber das ist das eigentliche Scharnier in unserem zukünftigen Umgang mit der Pandemie. Damit fällt und steht unser Winter.

Denn sobald wir diese Antigentests in dieser Form haben, dann können wir tatsächlich in eine Art friedliche Koexistenz mit dem Arschloch von Virus treten. Oder um genauer zu sein: In einen Stellungskrieg auf Augenhöhe. Mit unseren zwei mächtigen Waffen: Einerseits die Checkpoints mit dem Kollegen Antigentest. Und andererseits natürlich auch weiterhin die LMAA-Regeln (Lüften, Maske tragen, Abstand halten, Ab und an mal Hände waschen).

Und das wird uns durch diese Zeit tragen, bis wir mit den irgendwann mal (bald oder weniger bald, wer mag das beurteilen?) breit vorhandenen Impfungen zum finalen Gegenschlag ansetzen. Und dann wird er blöd aus der Wäsche gucken, dieser Scheiß-Virus. Dann lassen wir ihn am Bahnsteig stehen. Tschau. Arrivederci. Nichts für ungut, man sieht sich.

tl;dr: Sorge ist sehr berechtigt. Aber es gibt durchaus auch Anlass zur Hoffnung.