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Montag, 19.10.2020

Achtung, Befindlichkeitsbloggen und Themengebiet Pandemie:

Ich leide gerade sehr an einer hierzulande aktuell weit verbreiteten, sehr spezifisch deutschen Problematik mit einzelnen “Corona-Maßnahmen”. Ich muss das irgendwo hinschreiben, also warum nicht hier? Die Problematik lautet:

Jede Regel, die von Entscheidungsträgern – deren Job gerade niemand machen möchte – vorgegeben wird, wird bis ins letzte Detail zerredet. Nur deshalb, weil sie beim Blick auf Details durchaus zutreffend unsinnig wirkt.

Eine Vorbemerkung: Ich meine damit nicht solch offensichtlich blödsinnige Regelungen wie die derzeitige Ausgestaltung des “Beherbergungsverbots”. Um sowas kümmert sich der Rechtsstaat, er funktioniert und dafür ist er da (btw: Gruß an die Leute, die glauben, sie würden in einer Diktatur leben).

Eine zweite Vorbemerkung: Dem einen oder anderen Gast mag mein Mantra, in einer Pandemie gehe es nicht darum, dass alle immer perfekt alle Regeln befolgen, mittlerweile zum Halse heraus hängen. Dafür hätte ich Verständnis und bitte um scrollen. tl;dr: Darum geht’s mir.

Denn was ich meine ist z.B. die allfällige Häme über die Hamburger Maskentragepflicht (sinngemäß zitiert: (…) zwischen Scheißhausplatz Nr. 123 b und Leckmichamarschstraße Nr. 42 ab 17:00 bis 19:30 Uhr wenn gerade Vollmond ist und außerdem ..). Wofür selbst der in juristischen Dingen (kein Wunder angesichts der Beteiligten) normalerweise profunde und insgesamt recht besonnene Lage-der-Nation-Podcast in der aktuellen Ausgabe nichts als Spott übrig hatte (btw: Ist das Absicht, dass man dort nicht auf einzelne Folgen verlinken kann?).

Natürlich kann man diese Regelungen so im Wortsinn niemandem vermitteln. Aber einem Juristen wie Herrn Buermeyer darf ich doch wohl unterstellen, zu wissen, dass Allgemeinverfügungen hierzulande halt so geschrieben werden und warum das geschieht (Sportbezug: Aktive Fußballfans kennen das).

Ist diese Regelung so im Wortsinne sinnvoll? Nein, natürlich nicht.

Kapiert das irgendjemand? Nein, niemand kapiert das.

Kann man diese Regelung praktisch durchsetzen? Absolut nicht. Das kann niemand leisten.

Aber ist irgendwas davon der Punkt? Ich finde nicht. Ich finde diese Regelung duchaus auch selber handwerklich schlecht gebaut und mies kommuniziert. Aber was wäre denn die perfekte Regelung? Die perfekte Regelung wäre: “Leute, wenn es zu voll wird – und wir alle wissen, wo dies wann in der Regel der Fall ist -, dann setzt bitte auch im Freien eine Maske auf. Wir wissen noch nicht genau, ob das wirklich was bringt. Aber es tut niemandem weh und es spricht schon einiges dafür.” Diese Ansage würde keinen Spott auf sich ziehen. Außer halt den, dass es im Rechtsstaat keine Regelung wäre. Und niemals sein kann.

Ein anderes Beispiel hat mir die Tage ein Bekannter erzählt, der in der Berliner Verwaltung arbeitet: Dort wurde per Rundschreiben u.a. vorgegeben, einerseits auf den Fluren immer eine Maske zu tragen und andererseits nach dem Absetzen der Maske immer die Hände zu waschen (wegen was einem so an die Maske geatmet wird, wissenschaftliche Erkenntnisse, so Zeug). Führte zu Häme über den Unsinn dieser beiden Regelungen. Weil ich doch, wenn ich aufs Klo und dann zurück an den Schreibtisch gehe, direkt umdrehen müsse und wieder die Maske aufsetzen, um mir auf dem Klo die Hände zu waschen. Was ein Quatsch.

Ist diese Kritik berechtigt? Ja sicher. Im Zusammenspiel dieser beiden Regelungen ergibt das in diesem – nicht seltenen – Spezialfall Unfug.

Aber was wäre die Alternative? Soll das Land Berlin an ihre Verwaltungsangestellten diese zwei einfachen Handlungsanweisungen wirklich mit Ausnahmen versehen? “… außer, Ihr Weg zum Arbeitsplatz führt Sie direkt von einer Waschgelegenheit, dann bitte die Maske vorsichtig abnehmen und zum Lüften auslegen. Vorgenannte Ausnahme gilt nicht, wenn sie an ihrem Arbeitsplatz eine Waschgelegenheit haben.”? Oder darf man auch mal ein wenig mitdenken verlangen?

Diese beiden random Beispiele bitte nur als Beispiele verstehen. Ein anderes mit Sportbezug: Niemanden stört, wenn Du als einziger Besucher des Heimspiels des FC Kuhkackerode auf der Gegengerade keine Maske trägst. Ja, das Hygienekonzept verlangt es eigentlich. Aber Du stehst an der frischen Luft, niemand ist in Deiner Nähe und es gibt auch keine Vorbildfunktion zu erfüllen. Nimm doch einfach die Maske ab und lass es gut sein.

Mein Empfinden – und das, was mich gerade verzweifeln lässt – ist folgendes:

Deutsche können einfach nicht akzeptieren, dass eine Regelung einen Sinn auch dann entfaltet und auch dann befolgt werden sollte, wenn sie nicht immer von allen befolgt wird und auch absolut nicht durchgesetzt werden kann. Und dies auch dann, wenn sie in Ausnahmesituationen nicht befolgt werden sollte.

Dabei ist exakt dies genau das, was es in der Pandemie braucht.

Ich betrete eine U-Bahn. Mit mir sind 100 andere Fahrgäste anwesend. 5 davon lassen den Nasenpimmel raushängen oder haben gar keinen Mund-Nasen-Schutz dabei. Macht mich das wütend? Natürlich. Warum soll ich die Regelungen befolgen, wenn die das nicht tun? Und sich niemand darum schert? Das ist nur menschlich.

Aber aus dieser Wut eine Handlung oder auch nur eine Einstellung abzuleiten, das ist halt falsch. Denn wenn 95 % der Anwesenden Mund und Nase bedecken, dann ist das gut. Sehr gut sogar. Das ist das Ziel. Eine Pandemie stellt keine Gerechtigkeitsfragen.

Und wenn ich zufällig die eine U-Bahn mit dem Kindergarten auf einem Ausflug betrete, und dort 20 Kinder keine Masken tragen, weil wir uns als Gesellschaft halt aktuell auf diese Regelung geeinigt haben, dann steige ich aus und nehme die nächste Bahn. Und vielleicht trete ich irgendwo in einen abstrakten Diskurs darüber ein, ob ich das sinnvoll finde (nur ein Beispiel, ich finde das sinnvoll). Aber ich halte den Diskurs abstrakt. Denn der Pandemie ist scheißegal, ob ich das sinnvoll finde. Und der Pandemie ist auch scheißegal, ob ich zu spät zur Arbeit komme.

Einfach mal so Regelungen so ungefähr befolgen und damit leben, dass sie nicht von jedem immer und überall befolgt werden und auch nicht konsistent sind. Ich weiß, uns Deutschen fällt das schwer. Aber u.a. das hat uns bisher hervorragend durch die Pandemie gebracht.

Und wenn an sich sinnvolle Regelungen in Grenzbedingungen Stuss sind, sie dann gelassen einfach nicht befolgen, ohne darüber gleich alles in Frage zu stellen. Es ist kein schlechter Charakterzug, wenn einem das schwer fällt. Aber genau das wird jetzt verlangt. Wem das nicht gelingt, für den wird das ein langer Winter.